Abschied

Der 19. Januar 2017 war einer der schwärzesten Tage in meinem Leben. Zum Glück gab es davon nicht so viele.

Im Prinzip hatte ich das ganze Jahr Zeit, mich auf den Abschied vorzubereiten. Was es natürlich am Ende nicht besser gemacht hat. Anfang 2016 habe ich das erste Mal gedacht: "Jetzt ist soweit", als er nachts vor mir stand, die Bauchdeck beim Atmen bis zur Wirbelsäule hochgezogen, den Hals lang nach vorne gestreckt, wie ein brünftiger Elch und eben solche Geräusche beim Luft holen. Es ging natürich sofort zum Tierarzt und da wurde dann festgestellt: Der Hund ist alt. Schwaches Herz, vernarbtes Lungengewebe und leichte Wassereinlagerungen in der Lunge. Surprise surpris...Pancho war 14. Er bekam einen Rundumcheck, Herztabletten, Tabletten gegen das Wasser in der Lunge, eine Aufbausprizte und dann ging es dem kleinen Kämpfer auch ziemlich bald besser. Das blieb dann mit den ein oder andern Auf und Abs erstmal auch so. An große Spaziergänge war natürlich nicht mehr zu denken. Mal ging es ihm die ganze Woche blendend, wir konnten ruhige, kleine Spaziergänge machen. Mal war er zu schlapp, um noch runter in den Garten zu gehen. Einmal musste er mit meinem Sohn den Platz im Kinderwagen tauschen, da er von jetzt auf gleich nicht mehr weiter konnte. Die Hitze im Sommer hat ihm draußen stark zu schaffen gemacht. Ich liebe den Sommer, aber letztes Jahr konnte der Herbst und damit kühlere Temperaturen eigentlich nicht schnell genug kommen. In seinem Zuhause war er entspannt, hat die Streicheleinheiten genossen, faul auf der Couch rum gelungert und auch sonst, seinem Alter entsprechend, am Leben teil genommen. Ab November oder Ende Oktober wurden die guten Tage immer seltener und langsam kam der Gedanke: helfen oder was kann ich sonst für ihn tun. Zeit seines Lebens habe ich mich gefragt, ob ich es übers Herz bringe ihn einzuschläfern, wenn es soweit ist. In der Hundeschule habe ich ständig über Leute geschimpft, die ihre Hunde unnötig leiden lassen. Zwar auch immer mit der Nachsatz, dass ich nicht weiß, ob ich das selber schaffe...aber in der Hoffung und dem Willen Pancho nicht unntötig leiden zu lassen. Aber überwiegend hatte er ja keine großen Beschwerden. Atemnot trat nur selten auf und solange er auf der Couch lag und gestreichelt wurde, hat er das auch sichtlich noch genossen. Nur alt sein, war für mich kein Grund in einschlafen zu lassen. Harte Inkontinenz, die dazu führt, das sich der eigene Wohnungsboden auflöst und man 10 Mal am Tag wischen darf auch nicht. Er sah zwar öfter mal so aus als sei ihm das selber äußerst unangenehm, aber unangenehm und leiden sind ja irgendwie auch 2 paar Schuhe.

Eine Woche vor Weihnachten wurde es dann so schlimm, dass ich dachte Heilig Abend erlebt er nicht mehr. Da Weihnachten aber all seine langjährigen, menschlichen Freunde angemeldet waren, habe ich sehr gehofft, dass er es noch bis dahin schafft. Es hört sich vielleicht blöd an, aber ich dachte es wäre schön, wenn er sich noch bei allen verabschieden kann. Und umgekehrt natürlich genauso. Tatsächlich hat er da auch nochmal Oberwasser bekommen und war zwischen Weihnachten und Sylvester erstaunlich fit und gut drauf. Es gab ja auch viele Leckereien, die der mittlerweile mieserable Esser, dann doch noch leidenschaftlich verschlungen hat. Nach Sylvester ging es dann aber leider richtig Berg ab. Ich erspare euch jetzt die Details. Es war nicht so schön, dabei zuschauen zu müssen. Es hat noch etwas gedauert, bis ich mich dazu durch gerungen habe, den Tierarzt anzurufen und um einen Hausbesuch gebeten habe. Es war im Prinzip die Situation, vor der ich immer Angst hatte. Ich wollte nicht über sein Leben entscheiden, ich konnte ihn ja auch nicht nach seiner Meinung fragen. Er hat sich vorher ja auch immer wieder berappelt und wahrscheinlich wollte ich auch nichts anderes glauben, als das er das diesmal auch wieder schafft. Als es dann am 17.01. so war, das er abends da lag, seit 4 Tagen nichts mehr gegessen hatte und der ganze Körper ganz schwach vibrierte, hab ich dann schweren Herzen den Entschluss gefasst, dass es jetzt soweit ist. Wunschdenken ist Wunschdenken, Realität ist Realität....also hab ich am nächsten Morgen den Tierarzt angerufen, der dann am Abend drauf kommen sollte. Ich wollte noch einen letzten Tag mit ihm, um mich zu verabschieden.

 

Am Abend habe ich Pancho dann seine "Henkersmahlzeit" gekocht...Steak mit Nudeln in Sahnesoße...sein liebstes Diebesgut, was er aber weder angerührt noch eines müden Blickes gewürdigt hat. Wir haben den ganzen abend zusammen auf der Couch gelegen und noch bis 2 Uhr morgens gekuschelt. Irgendwann gegen 5 Uhr bin ich aufgewacht, als er grade von der Couch runter ist. Zwei Stunden später wurde ich dann von meiner Freundin geweckt, die mich anschaute und meinte: "Ich glaube Panchi ist tot." Ich war sofort hellwach, konnte das irgendwie nicht glauben. Er lag so friedlich da, den Kopf zwischen den Pfoten, sah aus als wäre er einfach am dösen. War er aber nicht. Pancho ist morgens zwischen 5 und 7 Uhr absolut friedlich in die ewigen Jagdgründe umgezogen. Es hat eine Weile gedauert bis ich das realiert hab. Die ganze Zeit dachte ich da bewegt sich doch noch was. Das war leider reines Wunschdenken.Ich muss mich für so vieles bei Pancho bedanken. Sorgar für seinen Abgang. Bis zum Ende alles richtig gemacht Großer! Hätte ich dich einschläfern lassen, hätte ich mich noch wochenlang gefragt, ob das die Richtige Entscheidung war! Wär es nochmal besser geworden? Hättest du noch ein paar Wochen Couch und Streicheleinheiten genießen können? So war unumwerflich klar: Nein, besser wäre es nie wieder geworden. Danke das du mir das erspart hast, war auch so schwer genug, dich gehen zu lassen.

Er hat nicht groß gelitten, er war bis zum Schluss dabei und ist dann einfach friedlich eingeschlafen. Natürlich kein Trost für die Hinterbliebenen, aber er hatte den Tod, den sich jeder wünscht und den kaum ein Hund noch hat. Mehr oder weniger gesund bis zum Schluss und dann einfach einschlafen... Wer hätte das nicht auch gern so, wenns denn soweit ist.

Ganz abgesehen von der Trauer. Was jetzt? Da liegt ein toter Hund auf meiner Couch und es war erschreckend, wie schnell der Verfall eingesetzt hat. Was macht man jetzt? Nicht jeder hat einen Garten in dem man seinen Hund begraben kann. Meine Eltern haben mir zwar einen Platz in ihrem angeboten, aber was hatte Panch da verloren? Früher fand ich es immer albern, wenn ich von Leuten gehört habe, die ihren Hund auf dem Friedhof beerdigen, sich die Urne irgendwo in die Wohnung stellen oder oder oder... Ich kann das alles jetzt verstehen! Aber zurück zu der Frage, was tun. Ich habe mich für eine Einzeleinäscherung entschieden. Das war zwar nicht ganz billig, aber lief tatsächlich auch sehr unkompliziert. Geld sollte eh keine Rolle spielen. Pancho war 12 1/2 Jahre ein treuer Wegbegleiter und vor allem auch Wegbereiter. Er hatte einen Abschied in Ehren verdient. Eine Gruppeneinäscherung stand nie zur Debatte. Ich habe mich für das Kleintierkrematorium Osiris entschieden, die ihn sogar abgeholt hätten. Aber das kam auch gar nicht in Frage. Soweit es geht und möglich war, wollte ich ihn auf seiner letzten Reise begleiten. Also habe ich ihn mit meiner Freundin zusammen nach Köln gebracht. Ab da musste er dann ein Stück des Weges alleine gehen. 10 Tage hieß es, dann kommt er in seiner Urne zurück. Er wurde dann auch direkt nach Hause gebracht.

10 Tage warten, in denen sich die Gedanken fast nur noch um das "Wie" des Abschieds drehten. Mache ich das mit mir und Panch alleine aus? Nehme ich im stillen Abschied oder gibts auch eine kleine Trauerfeier? Natürlich gab es eine kleine Trauerfeier ... und fast alle, die mit Pancho mehr zu tun hatten waren da. Zu Lebzeiten war der Rhein sein liebster Spielplatz, also war klar, was mit dem Großteil der Asche passiert. Surferbegräbnis! Ein Freund von mir hatte noch die schöne Idee ein Boot zu basteln und ihn wie einen Wikinger brennend auf den Rhein zu schicken. Das war genau das richtige für den alten Kämpfer. Und so ist er dann im Kreis seiner Freunde mit der Strömung den Rhein hinunter.... Machs gut Mr. Plüsch! Einer von uns beiden weiß jetzt wie es weiter geht.